Good bye

Ein letztes Mal fahre ich durch Deine Straße, die Ampel wird rot, ich sehe die graue Fassade, die grünen Vorhänge deines geöffneten Fensters und denke nichts.

Das erste Mal seit Monaten denke ich nicht. Nicht an dich, nicht an sie, nicht an uns. Du hast dich schnell getröstet. Ich habe nichts anderes von Dir erwartet. Mit ihr habe ich Mitleid empfunden, zunächst., aber sie ist erwachsen. Ich denke, ich weiß wie die Geschichte endet, so wie alle Deine Geschichten enden – in den Armen von Next. Eine ständige Suche, Anerkennung, Bewunderung, Nähe, innere Unsicherheit, Selbstzweifel, Leere. Du kommst an, zunächst. Du weißt es ist immer Eine da, wenn man nicht den Anspruch hat stimmt das wahrscheinlich sogar.

Nun habe ich doch an Dich gedacht, während ich an der Ampel stehe, den Kofferraum voll mit den Dingen die ich mitnehme in mein neues Leben. Good bye, flüstere ich rauf zu deinem Fenster. Die Ampel wird grün, ich trete aufs Gas.

Amor Monstruosus

Da bist Du also wieder, Du sahst mal besser aus, kräftiger, weniger durchscheinend. Ich will Dich nicht willkommen heißen, von mir aus kannst Du sofort wieder gehen! Wirst Du nicht, weiß ich – Du bist bedingungslos treu.

Du schmiegst Dich an meine Brust und nimmst mir die Luft zum Atmen. In deiner Gegenwart fühle ich mich matt und traurig. Ohne Energie. Das gefällt Dir. Du magst mich bewegungsunfähig.

Dein fauliger Atem ist übelkeitserregend, lässt die Lust auf das Essen vergehen. Der Kopf schmerzt, der Hals tut  weh, ich kann kaum schlucken. Du bist so kalt, dass ich bei 30 Grad Außentemperatur friere. Mit deinen langen, krummen, gelben Krallen bohrst Du in meinem Herzen und kratzt Schorf von den Wunden. Du bist ein Meister der Stimmenimitation. Wenn Du sprichst, könnte ich fast glauben es wären meine eigenen Worte. „ Niemand“, sagst Du, „für immer“ und „alles egal“

Wenn ich mich nicht gut fühle und im Leben nicht viel Sinn sehe, dann wirst Du größer, mächtiger. Den Gefallen tue ich Dir nicht! Ich kenne Deine Ängste, sowie Du meine. Du bemitleidenswert, hässliches Monster, ich höre Dir nicht zu. Ich bleibe nicht bei Dir liegen und warte bis Du meine Seele vergiftest. Du kannst gerne mitlaufen, wohin ich auch gehe, aber hoffe nicht auf Aufmerksamkeit.

Du sahst mal besser aus, kräftiger, weniger durchscheinend.

Ein Gentleman genießt und schweigt.

Wie passt das Bild des Gentlemans mit dem schweigenden Betrüger zusammen?

Gar nicht, finde ich.

Ein Gentleman zeigt ein bestimmtes, „ethisch-moralischen Standards genügendes Verhalten“: Tugendhaftigkeit, Geduld, Nächstenliebe, Großzügigkeit, Ehrlichkeit, Entschiedenheit, Selbstbeherrschung. Ein Gentleman ist ein Mann, der „niemandem Schmerz zufügt, der allzeit versucht, den Menschen um sich herum ein Höchstmaß an Wohlwollen zu erteilen.“

Fremdgehen ist eine Charaktersache (Umgang mit Konflikten, Ehrlichkeit),

In jungen Jahren mag es ausprobieren sein, wer jedoch mit über dreißig fremd geht, macht es bewusst – und das ist eine Frage des Charakters, oder der Abwesenheit von selbigem.

Fremdgehen oder Warmwechseln ist  kein Versehen, das passiert nicht einfach so. Man muss dafür andere Moralvorstellungen, eine grundsätzlich andere Einstellungen, zu Werten wie Loyalität und Ehrlichkeit haben. Fähig sein, den Menschen, der einem bedingungslos vertraut, anlügen, hintergehen und betrügen zu können. Wer dann auch nur ansatzweise seinem Partner noch in die Augen schauen kann, der hat einfach das Zeug dazu.

Einige Gründe; Fremdgehen aus Triebhaftigkeit, Selbstbestätigung oder einfach aus purer Gelegenheit, weil man ständig dem Reiz des Neuen erliegt?

Der Fremdgänger  äußert gerne, man könne nicht treu sein, das wäre unnatürlich, entspräche nicht der Biologie etc. Es sei der Trieb, mal etwas Anderes zu probieren. Man könne der Versuchung nicht auf ewig widerstehen.

Der Reiz fremdzugehen ist in einer langjährigen Beziehung sicher irgendwann ein Problem, die Verlockung des Unbekannten, gepaart mit dem fast vergessenen Kribbeln. Plötzlich wird man wieder bewundert, angehimmelt und begehrt. Dies erklärt jedoch nicht warum einige Menschen, auch in Beziehungen die noch lange nicht in Monotonie und Routine erstickt sind, ihren Partner betrügen.

Was also sind die Gründe für solche ein Verhalten?

Neben der Unfähigkeit mit Konflikten umzugehen, einer gestörten Impulskontrolle, einer lockeren Einstellung zu zwanglosem Sex,  liegt oft ein Problem mit dem eigenen Selbstwert vor.

Fremdgänger brauchen diese Art der Anerkennung, damit sie fühlen, dass sie toll und begehrt sind. Selbstzweifel und Unsicherheit nähren das Bedürfnis nach Bestätigung durch Andere, um wieder an sich selbst glauben zu können. Es gehen auffallend häufig Menschen fremd, die mit Ihrem persönlichen Leben unzufrieden sind, Menschen die im Karriereloch stecken, gelangweilte Hausfrauen etc.

Auch ist es das Verbotene und Verruchte, das Seitenspringer lockt. Ein Spiel mit dem Feuer: abenteuerlich, riskant und heiß. Fremdgeher sind Jäger, auf der Suche nach dem nächsten Kick, manche Menschen blühen erst im Chaos auf. „Der Adrenalin-Kick, den sie dabei bekommen, wenn sie mit einer anderen Frau, hinter dem Rücken der eigenen, rum machen, gibt ihnen den gewissen Thrill, der mit nichts zu vergleichen ist“

Das Beunruhigende daran: es sind alles Faktoren, die zunächst einmal nichts mit dem Partner zu tun haben.

 Moralischer Konflikt

Dass es Gründe für ein Fremdgehen geben kann, macht es moralisch nicht viel besser.

Fremdgänger und Warmwechsler wissen genau das ihr Verhalten respektlos-, unanständig und amoralisch, ja zu tiefst  verwerflich ist.

Es gehört viel Impertinenz dazu, den Partner währenddessen oder nach dem Seitensprung derart zu belügen. Jahrelange Amoralität ruiniert den Charakter, bis man keinerlei Gewissensbisse mehr hat und  auch keinen Respekt mehr vor anderen Menschen. Da zählen nur noch sein Ego, seine Bedürfnisse, seine Ziele und Wünsche.

Die Hemmschwelle, fremdzugehen und damit einen angeblich geliebten Menschen zutiefst zu verletzen, muss man erst einmal überwinden. Ein Mensch mit Wertvorstellungen könnte das gar nicht, natürlich wird auch er versucht werde, aber er könnte wiederstehen.

Fremdgeher sind Wiederholungstäter

Wer einmal die moralische Hemmschwelle überschritten hat, wird es immer wieder tun, wenn es mal nicht mehr so rund läuft oder der sexuelle Reiz eines anderen zu stark wird, da jeder Skrupel bereits ausgeschaltet ist und die Grenze nicht mehr zurücksetzen werden kann. Wer Fremdgehen als Lösung seiner Probleme sieht, wird zum Wiederholungstäter.

Ehrlichkeit

Ehrlichkeit ist ein Wert.

Im Bezug auf eine Partnerschaft hat jeder seine Werte. Mir ist Transparenz in einer Beziehung sehr wichtig.

Ehrlich wäre es zu Beginn eines Verhältnisses zu sagen: Ich bin ein Fremdgänger. Dann hätte der Mensch die Wahl, ob er sich trotzdem einlassen will. Das jedoch tut der Untreue aus der berechtigten Sorge, die umworbene Person würde sich abwenden, nicht.  Anstatt ehrlich zu sein und somit einen Partner zu finden der diesen promisken Lebensstil teilt, wird ein Mensch, mit einem möglicherweise völlig anderen Wertesystem, bewusst getäuscht. Im weiteren Verlauf der Beziehung wird dann die Untreue verschwiegen und dem Partner vorgespielt, sich in einer, für ihn, wertvollen Partnerschaft zu befinden. Die Beziehung ist eine Illusion und der Betrogene hat wieder nicht die Wahl zu entscheiden, denn er ist ahnungslos.

Auch der jeweilige Sexualpartner wird getäuscht, denn auch hier sinken die Chancen, dass sich das Objekt der Begierde auf den Vergebenen einlässt.

Wer von vorneherein sagt, er will nur Sex, so hart das klingt, der hat wenigstens noch den Anstand. Ehrlichkeit erfordert Mut, einen Charakterzug den untreue Menschen offensichtlich nicht mitbringen.

Fremdgehen ist der Tod einer jeden Beziehung

Das hat der Fremdgänger am eigenen Leib zu spüren bekommen, denn ausnahmslos alle Beziehungen sind daran zerbrochen. Auch wenn sie wissen, dass ihre Untreue ihr ganzes Leben, zumindest ihre Partnerschaft ruinieren kann, tun sie’s trotzdem. Was aber lernt er daraus? Allenfalls wäre er vorsichtiger, weil vorgewarnt, wie übel es ausgehen kann. Hier geht es doch um die innere Einstellung zum Fremdgehen, nicht darum, ob er es vielleicht aus Angst lässt, oder künftig noch besser lügt.

Die Entscheidung Gehen oder Bleiben

Für das Fremdgehen und die daraus resultierenden Lügen gibt es keine Entschuldigung. Man kann versuchen zu vergeben, aber man wird wahrscheinlich nie vergessen. Das Vertrauen ist erst mal dahin, man kann sich nicht mehr fallen lassen, lebt in einer ‚Hab acht Stellung‘. Wie soll man einem Menschen glauben, dass er die Wahrheit spricht, der einen so lange belogen hat? Es kann reichen, dass die Beziehung in eine schwierige Phase gerät, oder die äußeren Umstände als negativ erlebt werden, um die Wahrscheinlichkeit des Fremdgehens drastisch ansteigen zu lassen. Er wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder tun. Man muss sich fragen, was habe ich noch von diesem Partner? Es geht ja nicht darum, dass man sich an irgendwelche Vorschriften hält, und deshalb das Fremdgehen als etwas Negatives empfindet, sondern, dass viele Menschen emotional nicht damit klarkommen, wenn sie betrogen werden.

Wenn Du an solch einen Kandidaten geraten bist und emotional nicht damit umgehen kannst, kannst Du eigentlich nur eines tun: ihn gehen lassen. Nichts was Du tust wird ihn ändern. Eigentlich sind solche Menschen für eine auf Zukunft ausgerichtete Beziehung nicht geeignet, aber oft sind genau diese Leute so bedürftig, dass sie jemanden brauchen, nicht ohne Partnerschaft leben wollen.

Es erfordert ein großes Plus auf der Haben Seite, eine ungeheure Portion Mut (oder ist es eher Dummheit?), Mitleid und eine große Toleranzschwelle um eine Alternative in Erwägung zu ziehen – Eine offene Beziehung.

Wenn man nicht so gestrickt ist, kann man versuchen sich durch die Weltgeschichte zu poppen und fühlt sich nachher trotzdem oder gerade deshalb leer.
Ist der Fremdgänger zusätzlich noch ein Warmwechsler hat er es nun besonders gemütlich, er kann sich austoben und wenn er was vermeintlich Besseres findet, abspringen. Wieso sollte er sich hier fairer verhalten, als bei seinen früheren Partnerinnen? Was bleibt: Stets spielen Persönlichkeits- und Charakterdefizite eine Rolle.

Was bleibt

Jede Erfahrung prägt uns und bringt die Möglichkeit das eigene Verhalten zu ändern. Künftig überprüfen, ob es im Wertekanon an der betreffenden Stelle eine Schnittmenge gibt, bei Partnerwahl selektiver vorgehen und untreue Menschen ausschließen.

Wer keine  zusätzliche Bestätigung von außen braucht ist weniger gefährdet, das macht attraktive, selbstbewusste, erfolgreiche Menschen zu treueren Partnern. Als Frau erkennt man doch gleich beim ersten Treffen, wie der Mann drauf ist, ob er eher der Gentlemen, von der zurückhaltenden Sorte oder eher der Rangeher ist. Sexuelle Aufdringlichkeit, oder ein „zu mir oder zu Dir“ am ersten Abend sind gute Indikatoren dafür mit welcher Art Mensch man es zu tun hat.

Mariana Kleinmüller geb. Levermann

Ich habe es aus der Zeitung erfahren. Da stand er, der Name den man mir erst vor kurzem nannte und der sich tief in mein Gedächtnis geprägt hat.

Du hast keine 15 km von mir entfernt gelebt. Sind wir uns mal begegnet? Bist Du vielleicht an meiner Schule vorbei gefahren? Hast Du gewusst wie ich aussehe? Hast Du überhaupt mal an mich gedacht? Oder warst Du froh, dass ich weg war? Wer warst Du? Wie warst Du? Ich hab so viele Fragen und keine davon kann ich Dir stellen.

Es ist Dienstag, ein heißer, schwüler Morgen Mitte August, die Sonne strahlt. In Filmen ist es immer Herbst oder Winter, die Bäume sind kahl, der Himmel grau, wolkenverhangen, oft regnet es.  Ich habe mir den Ford von der Frau geliehen, die ich 18 Jahre lang für meine Mutter hielt und bin auf dem Weg zu Dir. Ich wollte früher kommen, eigentlich gleich, als ich wusste wer Du warst und wo Du wohntest, aber ich hatte Angst. Angst vor Deiner Reaktion. Was ist, wenn Du mich nicht sehen wolltest, mich nicht mögen, mich für nicht gut genug befinden würdest? Oder schlimmer noch, was wäre, wenn ich Dich nicht gemocht hätte. Aber das spielt wohl nun keine Rolle mehr.

Meine Hände zittern, ich parke das große Auto unter einer schattigen Tanne, ziehe den Zündschlüssel ab,  greife in meine schwarze Handtasche, finger umständlich nach meinem Feuerzeug, nehme eine Kippe aus der Schachtel und inhaliere gierig. Der Parkplatz ist fast leer. Ob die Leute noch in der Kirche sind? Ich schaue mich suchend um, keine Menschenseele zu sehen.

Ich sollte aussteigen, durchs schmiedeeiseren Tor gehen und Dich suchen. Ich kann nicht. Wie angewurzelt sitze ich auf dem abgeschabten, beigen Polster des Wagens und zünde mir noch eine Zigarette an. Der Rauchgeruch im Auto wird sicher nicht rausziehen und ich werde Ärger bekommen, wenn ich nach Hause komme. Egal! Alles egal. Warum bin ich nicht früher gekommen? Vielleicht hast Du Dich dein ganzes Leben gefragt, wo ich wohl bin, wie es mir geht, was ich mache, was ich liebe, was ich hasse, ob ich Dir ähnlich sehe. Sah ich Dir ähnlich? Vielleicht hatten wir denselben Humor, sahen die Welt durch die gleiche Brille.

Meine Mutter war immer humorlos. Sie war lieb zu mir, so lieb wie eine Mutter nur sein kann, doch gelacht hat sie nie. Ich hasse sie! Ich hasse sie, weil sie mich belogen hat. Sie hat mich glauben lassen ich sei ihr Kind.  Dabei war ich Deines und nun bist Du nicht mehr da. „Nach kurzer Krankheit verstarb Mariana Kleinmüller geb. Levermann am 11. August“, so stand es in der Zeitung.  Und ich, ich kann nicht mal traurig sein, weil ich nicht weiß was verloren habe.  Schwer stemme ich mich aus dem Sitz und wanke zum Friedhofstor.

Draußen singen die Vögel, ich kann sie nicht hören, aber ich weiß sie sind da.

Ich hatte mal einen Vogel, er saß eines Morgens auf meinem Fensterbrett und sang. Mir gefiel das Tier gar nicht und so ließ ich meine Katze raus. Den Vogel aber wurde ich nicht los, er kam Tag für Tag und sang nur für mich.

Mit der Zeit fand ich sein Gefieder immer glänzender, seine Stimme ausdrucksstärker, seinen Gang grazil. Ich ließ mein Fenster offen und er flog herein. Ich gewann ihn lieb und gewöhnte mich so an ihn das ich nicht ohne ihn leben wollte. So kaufte ich einen Käfig und er sprang bereitwillig hinein. Nach einiger Zeit setzte ich mich zu ihm, dunkelte den Draht mit einem Handtuch ab und blickte ihn unablässig an, ich wollte seine Welt sein, so lieb und teuer war er mir geworden. Die Monate gingen ins Land und der Vogel hatte aufgehört zu singen, immer öfter knabberte er nun an seinen Gitterstäben.

An einem unachtsamen Tag, ich ließ die Tür offen, entwischte er mir. Ich bin im Garten auf und ab gelaufen und habe sein Lied, unser Lied gepfiffen aber er kam nicht zurück. Manchmal erwachte ich davon das er auf meinem Fenstersims saß und sang, aber bevor ich ihn greifen konnte war er auch schon wieder unterwegs in fremde Länder.

Viele Jahre sind vergangen und  inzwischen verabscheue ich Käfighaltung.

Anspruchskorsett

Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen, bloß nicht denken.

Die Füße fliegen über den Boden. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Die Lunge schmerzt. Ich laufe davon, vor Deiner Frage, vor meiner Angst.

Was ist das mit uns?
Einatmen, ausatmen, Seitenstechen.
Wir sind Freunde habe ich gedacht. Bis gerade war da Vertrautheit, Wärme, Nähe. Jetzt will ich nur noch weg. Gestern ist ein Trümmerfeld, Morgen noch nicht geschrieben. Hab mir keine Gedanken gemacht, Dich genossen wie einen perfekten Sommertag.
Du wirst Deinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht, aber es sind nur Deine – habe ich Dir gesagt und eigentlich mit mir selbst gesprochen.
Für uns gab es kein morgen, wusstest Du das nicht?
Alles was ich bieten konnte war JETZT.
Deine Frage hat gestern, heute und morgen verknüpft und Ansprüche angemeldet, zumindest fühlt es sich so an.
Anspruchskorsett.
Ausgesprochen, durch das Wort Leben eingehaucht, liegt sie da: Die Realität. Bewusst war sie mir von Anfang an, aber es war nicht relevant, hatte nichts mit uns zu tun.
Dunkle Wolken am Sommerhimmel und es wird Zeit sich zu verabschieden.
Alles auf Anfang, hab ich da Bock drauf.
Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen, bloß nicht denken.

2. Auf der anderen Seite

Max ist nicht nach Hause gekommen, soviel steht fest. Das Bett in seinem Zimmer ist unberührt. Ja, sein Zimmer. Wir sind nicht das Paar im klassischen Sinne: 3 Zimmer, Küche, Diele, Bad, Doppelbett mit Trennungsritze. Wir sind eher eine Wohngemeinschaft und wir sind Freunde.

Das Max nicht hier schläft kommt in letzter Zeit wieder häufiger vor. Eigentlich immer, wenn es beruflich nicht läuft oder er andere Probleme hat, welche er mit sich ausmacht. „Trenne Dich endlich von ihm“ sagt meine Mutter, meine beste Freundin schüttelt nur den Kopf und mein Vater ist wütend. Ich will mich nicht trennen. Max und ich, das ist wie Kakao mit Sahne, beides schmeckt gut aber zusammen eben noch besser. Ich liebe Max.
Wir waren beide im selben Literaturkurs an der Uni, ich damals gerade Anfang 20zig, ein wenig vorlaut und unsicher was meine Wirkung auf Männer betraf. Max war cool, er hatte immer einen flotten Spruch auf den Lippen und er brachte mich zu lachen. Max eckte ziemlich schnell bei Leuten an, aber ich mochte seine Art. Ich fand ihn frech, bedingungslos, aufregend. Er war nicht der Typ der ständig am Rockzipfel klebte, mal war er da, mal nicht. Aber verlassen konnte man sich auf ihn, wenn es drauf ankam. Unser erstes gemeinsames Jahr war wie ein Rausch, wir haben viel unternommen und waren wahnsinnig glücklich. Der Bruch kam nach eineinhalb Jahren, er sei nicht mehr verliebt, er wolle nicht treu sein, ich könnte damit leben oder es lassen. Ich ließ es. Habe meine Sachen die in seiner WG waren zusammen gesucht und bin abgetaucht. Ich glaubte an die große Liebe, an ein bis der Tod uns scheidet und andere Männer versprachen mir, die Sicherheit die Max mir nicht geben wollte. Wenn er anrief ging ich nicht ans Telefon, wollte ihn nicht mehr sehen. „Ist jetzt Schluss?“ fragte er mich per SMS, ich gab darauf keine eindeutige Antwort und Max trennte sich von mir.
Ich höre den Schlüssel im Schloss, die Tür wird geöffnet und Max steht ziemlich übernächtigt in der Küche. „Magst Du einen Kaffee?“ „Gerne“ Ich stehe auf, hole ein große Tasse aus dem Schrank, Milch aus dem Kühlschrank und die Kanne aus der Maschine, gieße ihm eine Tasse ein und reiche sie ihm. „Danke“ „Harte Nacht?“ Er grinste, sagte aber nichts. Ich setze mich zu ihm an den Tisch und betrachte ihn lange, er ist älter geworden, aber in seinen Augen ist immer noch das schelmenhafte, jugendliche Blitzen, das ich so mag. „Ich geh mal duschen“

1. Ausbruch

Leise schnarchend, ihr Blondhaar kringelt sich über dem Kissen, die Sonne zeichnet Muster auf ihre nackte Haut. Ich stehe auf und gehe ins Bad, drehe den Wasserhahn auf und spritze mir das kühle Nass ins Gesicht, die Arme abgestützt auf dem Waschbecken betrachte ich mich im Spiegel. Meine Haut ist grau wie die Asche im Becher in der Küche, die Augen blau umrandet, zwei scharfe Linien verbinden meine Nasenflügel mit meinen Mundwinkeln. „Vielleicht sollte ich mir einen Bart stehen lassen“ überlege ich und streiche meine, gottseidank immer noch vollen Haare mit Wasser nach hinten, dabei bemerke ich die die ersten feinen grauen Strähnen die sich durch meine Schläfen ziehen. „Fuck. Ich werde alt“ Ich tretet ein paar Schritte zurück und betrachte meine Körpermitte, wo sich mein Bauch wie ein kleiner Berg über dem Hosenbund erhebt, ich ziehe ihn ein, halte die Luft an. Schon besser. „Wozu gehe ich eigentlich dreimal die Woche ins Fitnessstudio“ denke ich „wobei wer weiß wie ich aussähe ohne?“ „Genug der Eitelkeiten“

Gestern im Club im Dämmerlicht sah die Welt anders aus. Heute drängt sich das Mädchenbad allzu offensichtlich in mein Bewusstsein, hier ein Quietscheentchen mit rosa Prinzessinnenkrone, dort ein Trockenblumensträußchen, rosa Frottee Handtücher, eine beachtliche Sammlung an Parfümfläschen und Schminkutensilien. Ich ziehe den Stöpsel aus einen der kleinen Flaschen und schnüffel daran, der süßliche Duft von Jasmin, ein Hauch Vanille und ganz viel Undefinierbares strömt mir entgegen, ich ziehe meine Nase kraus und stelle das Fläschchen zurück in den weißen Schrank in, wie sollte es auch anders sein: Shabbyschick. Woher ich das weiß? Ich habe eine Frau. Eilig suche ich meine Sachen zusammen, die Wohnung des Mädchens ist nicht besonders groß und doch habe ich es geschafft alles zu verstreuen, als ich gestern Nacht nicht schnell genug aus meinen Kleidern kommen konnte. Schuhe und Hose finden sich in der Nähe der Eingangstür, Hemd auf dem modernen Küchenstuhl, auf dem gekachelten Boden die Boxershort. Nur mein linker Socken bleibt verschwunden „scheiß drauf, denke ich, als ich Geräusche aus dem Schlafzimmer wahrnehme, nehme meine Schuhe in die Hand und schleiche halb barfuß aus der Wohnung, ziehe die Tür zu, sause die Treppe hinunter und binde meine Schuhe erst auf dem letzten Absatz. Die Haustür fällt schwer hinter mir zu und ich stehe im gleißenden Sonnenlicht eines warmen Sonntagmorgens. Über mir wird ein Fenster geöffnet „Hey“ ruft die Kleine zu mir runter, ich winke und trete den Rückzug an, weg von hier.

Nachts

In ihrem Roman „Nachts“ lässt die Autorin Mercedes Lauenstein ihre Protagonistin überraschend Leute besuchen, die noch wach sind.

Oft kommt man nachts an Fenstern vorbei die noch hell erleuchtet sind und fragt sich, was die Menschen hinter dem Glas wohl gerade machen, wieso können sie nicht schlafen, was ist ihre Geschichte?
Also auf zum Experiment. Mein Date ist früh nach Hause gegangen und ich bin alleine in den Straßen der Stadt. Erster Stock eines großen Wohnkomplexes, ein erleuchtetes Fenster und plötzlich die Idee, was passiert wenn?
Ich suche also die richtige Klingel – 1 Stock, drücke und halte den Atem an. Nichts. Mutiger drücke ich noch mal auf die Schelle, diesmal länger, aufdringlicher.
Im dritten Stock wird ein Fenster aufgerissen „Verdammt noch mal, was soll das, sind sie nicht zu alt für diesen Scheiß?“ Ein bierbauchiger Mittfünfziger, Modell LKW Fahrer, lehnt sich aus dem Fenster des 3 Stocks. „Hallo“, brülle ich rauf. „Ich wollte mal schauen wer nachts noch so wach ist“ Ich lächele ihn an. „Kann ich rauf kommen?“
„Wo bist Du denn entlaufen“ brüllt er zurück „Fremde Leute nachts aus dem Schlaf reißen, ich muss gleich arbeiten“ Dann höre ich noch was von „verschwinden sonst Polizei“ und das Fenster schließt sich mit einem Knall.
Verdutzt bleibe ich auf der Straße zurück. Schaue noch mal zum erleuchteten Fenster im ersten Stock, überlege kurz ob ich eine andere Klingel ausprobieren soll, oder kommt Steinchen schmeißen besser? Beim nächsten Mal, beschließe ich. Schlaflose Nächte gibt es viele.

MÜSSEN tun wir nur sterben

Ich habe heute Morgen mit meinem Ex-Freund telefoniert, Kurzabriss der Themen Depression, Selbst-bewusst werden, Müssen, Sollten und Können.

MÜSSEN: Hirnschublade auf: „ Müssen tun wir nur sterben“ lautet die dort abgelegte Antwort. Für Schubladendenken brauche ich Null- Kapazität.
Wie viele dieser abgelegten nie wieder durchdachten Antworten schlummern in mir? – Immer mehr umso Höher die Summe an Erfahrung, das System ist effektiv.
Ich denke also übers Müssen nach, über innere Zwänge und Verhaltensweisen, während ich meine Küche aufräume, dass MUSS mal wieder gemacht werden.
MÜSSEN fühlt sich an wie ein Gefängnis und gegen das Gefühl von Enge rebelliere ich, auch wieder so ein Muster. Wer MUSS unterliegt einem Zwang, fühlt sich genötigt etwas zu tun, seien es gesellschaftliche Normen und Erwartungen die an die Person von außen heran getragen werden, oder solche die wir tief verinnerlicht haben.
MÜSSEN ist der Bruder der Pflicht, der Notwendigkeit und eine logische Konsequenz.
Ich muss aufräumen, damit ich nicht im Dreck versinke. Ich muss arbeiten, damit ich Geld habe. Ich muss nett sein, damit man mich mag…
Das stimmt so nicht! Ich will Geld, also gehe ich arbeiten, ich will Sozialkontakte, also bin ich nett und ich will Ordnung weil ich mich damit wohler fühle.
WOLLEN ist Freiheit. Ich habe mich bewusst entschieden etwas zu tun –für MICH, dass fühlt sich gut an. Es ist eine Sache des Blickwinkels möchte ich mich einsperren oder befreien?
Ich entscheide mich für letzeres und befinde meine Schulblade nach gedanklicher Überprüfung als für mich richtig: „ Müssen tun wir nur sterben“
Ich will jetzt meine Küche aufräumen.